Daniel Woodrell

Daniel Woodrell

Bestellen bei amazon.de
Tomato Red

Tomato Red

Originaltitel: Tomato Red, 1998

Rowohlt
192 Seiten
Roman

Inhalt

"Nö. Ich denke mir, ich mach einfach so weiter und reiß die Tage ab, weißt du, bis ich eines Tages so komplett Scheiße baue, dass die Zukunft abgesagt ist. Oder alles im Voraus festgelegt. Die Chancen dafür stehen einigermaßen hoch."

Tomatenrot sind die Haare der neunzehnjährigen Jamalee Merridew, die mit ihrem bildhübschen Bruder Jason im miesesten Viertel von West Table, Missouri, lebt. Mit ihrer Mutter Bev, die im Haus nebenan zahlungskräftige Herren empfängt, versteht sie sich nicht gerade bestens. Als sich der junge Herumtreiber Sammy mit den Geschwistern zusammentut, sieht Jamalee die lang ersehnte Chance, endlich aus ihrem gottverlassenen Heimatkaff auszubrechen. Aber alle Versuche, das nötige Kleingeld zu organisieren, scheitern kläglich, und - schlimmer noch - die drei bringen die anständigen Bürger des Städtchens gegen sich auf. Eines Tages ist Jason verschwunden, seine Leiche wird in einem Schlammtümpel treibend aufgefunden. An einen Unfall wollen Jamalee, Sammy und Bev nicht glauben, doch als sie der Sache auf den trüben Grund gehen wollen, fängt der Ärger erst richtig an …


Kommentar

Der Revolver war in ihrem Haus und in ihrem Kopf, und bei jedem neuen Sonnenuntergang spürte ich, dass wir einem richtigen Verbrechen wieder ein Stück näher gekommen waren.

Das Leben ist leer. So inhaltslos wie eine ausgesoffenen Bierflasche. Der schmutzige Lebensrest wird mit Speed und mehr Bier aufgeweicht, mit Sex versetzt, um irgendwie weiter zu machen. Scheiß auf den Job in der Hundefutterfabrik, Scheiß auf alles. Das Schicksal hat diese Leere gleich bei der Geburt mitgeliefert, intravenös eingespritzt. Du hast schon verloren, noch ehe du das erste Mal dagegen anschreien konntest. Wenn du klug bist, schreist du später nicht mehr. Der ein oder andere Versuch, dir was aufzubauen, aber was erwartet dich groß? Auf Leere baut sich schlecht, man sieht sie dir an. Also bring die Tage irgendwie herum, sitz auf der Veranda eines miesen, kleinen Häuschens, starr auf den Schmutz und Dreck, gelegentlich mal auf den Sonnenuntergang. Trink, wirf ein paar Pillen ein, irgendwann knipst dir das Schicksal das Licht aus.

Woodrells Ozark-Universum ist der heimelige Platz für Verlierer. Arm und dreckig und mies - wenn du aus dem Mutterleib in diesen Sumpf plumpst, kriegst du den Gestank niemals mehr ab, egal wie sehr du dich bemühst. Und wenn du doch versuchst zu entkommen, rümpft jeder die Nase. Du landest tot im Graben, wenn du Glück hast. Oder du machst weiter in der Leere, während du an dem Bisschen Traum und Hoffnung langsam erstickst. Die Protagonisten haben nichts, sie gewinnen nichts und es macht ihnen kaum etwas aus. Es sind keine Noir-Helden im klassischen Sinne, die aus Habgier das große Ding drehen und alles geht schief, oder die das Schicksal in einer irrwitzigen Verkettung von Zufällen das Genick bricht. Ihre Habgier ist müde, abgeschliffen vom Frust des Lebens, zu viel Alkohol und Drogen. Zufälle gibt es nicht, nur die kotbeschmierte Straße hinein ins Nichts. Das Genick ist schon längst gebrochen. Das Nichts heißt West Table und ist genau der Ort, der einen erblinden lässt, wenn man zu lange auf eine gottverdammte Stelle starrt.


Mehr zum Autor

Daniel Woodrell - Biographie, Bibliographie